Frans Bosch – Strength training and coordination: an integrative approach

Frans Bosch muss nicht vorgestellt werden, das kann Google übernehmen.

Dieses Buch hat eine relativ hohe Flughöhe, sprich es braucht viel Vorwissen, um das Buch gewinnbringend einzusetzen.

Wenn man das Vorwissen hat, ist es eine Offenbarung. In meiner Trainerkarriere würde ich es als den wichtigsten Meilenstein meiner Lernkurve bezeichnen. Es hat meine Sichtweise dessen was wir Trainer tun, bewirken wollen, von unserem Training erwarten, grundlegend verändert.

Ich habe die klassische Lektüre der Trainingswissenschaften gelesen, Weineck, Schnabel/Harre/Krug/Borde, Martin/Carl/Lehnertz, Hegner/Hotz/Kunz. Wenn man mit diesem Grundwissen (das freiwilich nach Bosch teilweise grundfalsch ist) an dieses Buch herangeht, erhält man eine ganz neue Sichtweise der Dinge.

Wer sagt, dass beidbeinige Kniebeugen für einen Hochspringer von Nutzen sind? Wieso trainieren Leichtathleten überhaupt etwas beidbeinig? Bosch stellt Dogmen in Frage – und hat Antworten.

Ein ganz wesentlicher Aspekt, den Bosch beleuchtet: Jeder Muskel hat eine bestimmte Funktionsweise, die sich über hundertaussende von Jahren herausgebildet hat. Z.B. die Wade (im Zusammenspiel mit der Achillessehne) funktioniert isometrisch/reaktiv, ein Hüftbeuger exzentrisch/konzentrisch. Wenn wir beginnen entgegen dieser Grundlage zu trainieren, kann uns kein Erfolg beschienen sein. Hamstring-Curls und Wadenstrecker sind nach Bosch nicht nur Zeitverschwendung, sie verändern den Muskeln schlicht in eine Richtung, die beispielsweise in der Leichtathletik nicht gebraucht wird. Auf eine Wade wirken beim Absprung Kräfte (bis zu einer Tonne), die beim Wadenstrecker nicht ansatzweise, nicht einmal um einen Faktor 3 kleiner erreicht werden (wer macht schon wadenstrecker, einbeinig!!, mit 300kg?). Eine Wade muss sich nicht dehnen/strecken, sie muss schlicht nur dagegenhalten, während die Sehnen federn. Eine Wade wird richtiggehend langsam, wenn wir sie darin trainieren, gegen eine mickrige Last von 120kg zu strecken (einbeinig!).

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, die Feststellung, dass unser Körper grundsätzlich kein Interesse daran hat, dass wir in etwas Weltmeister werden. Das erste Ziel des Organismus ist zu überleben bis zur Fortpflanzung. Dass ein Körper eine Bewegung lernt, ist ein komplexer Vorgang. Wie ein Körper eine Bewegung lernt, die ihm nicht gegeben ist, ist kein linearer Vorgang.

Wer seine bestehenden Trainingspläne mit Boschs Ansatz durchkämmt, unnötiges und unwirksames aussortiert, erhält effizientere und auch gesündere Trainingsformen.

Ich kann das aus der Praxis bestätigen und das Buch jedem erfahrenen Trainer empfehlen.

Was man von diesem Buch nicht erwarten darf, sind konkrete Trainingstipps und Trainingsübungen. Das Buch hat schon auch Beispiele zur Hand. Aber das Buch ist von grundsätzlicherer Natur – wie Philosophie für den Sport. Wenn man ein Trainerswissen von z.B. 10 Jahren Erfahrung hat, dann liest man dieses Buch und ändert sein Training, optimiert es. Wer keine Erfahrung hat, wird an diesem Buch verzweifeln, denn wer noch nicht weiss, worin ein Leichtathletik-Training im Alltag besteht, der kann die Prinzipien und Überlegungen von Bosch auch nicht darauf anwenden.