{"id":475,"date":"2019-06-22T22:06:40","date_gmt":"2019-06-22T22:06:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stabhoch.ch\/?page_id=475"},"modified":"2019-06-22T22:06:41","modified_gmt":"2019-06-22T22:06:41","slug":"spiegelneuronen-oder-weshalb-aus-nichts-nur-langsam-etwas-wird","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.stabhoch.ch\/?page_id=475","title":{"rendered":"Spiegelneuronen \u2013 oder weshalb aus \u201eNichts\u201c nur langsam \u201eEtwas\u201c wird"},"content":{"rendered":"<p>Menschen, ganz besonders Kindern lernen \u2013 unter anderem \u2013 durch Beobachtung und Imitation.<\/p>\n<p>Verantwortlich daf\u00fcr sind sogenannte Spiegelneuronen.<\/p>\n<p>Wenn ich einen Tennisschlag ausf\u00fchre, feuern die gleichen (Spiegel-)Neuronen, wie wenn ich jemandem beobachte, der einen Tennisschlag ausf\u00fchrt. Dasselbe hat man beobachtet, wenn jemand weint oder jemanden einen anderen beobachtet, der weint. Dieselben (Spiegel-)Neuronen feuerten, ob man selbst die Bewegung ausf\u00fchrt oder eine Gef\u00fchlsregung zeigt, oder ob man jemand anderen dabei beobachtet.<\/p>\n<p>Im Gehirn ist in beiden F\u00e4llen das gleiche Aktivit\u00e4tsmuster der betreffenden Spiegelneuronen zu erkennen. Deshalb geht man davon aus, dass diese Art von Neuronen daf\u00fcr verantwortlich ist, dass wir durch Beobachtung lernen.<\/p>\n<p>Man geht in der Neurobiologie davon aus, dass gewisse Entwicklungen, die ein Mensch als Kind macht, genetisch programmiert sind, dass also Kinder sie auch dann ausf\u00fchren w\u00fcrden, wenn sie diese nicht in ihrem Umfeld beobachten k\u00f6nnten. F\u00fcr alles andere, was wir eben erlenen m\u00fcssen, sind die Spiegelneuronen verantwortlich.<\/p>\n<p>Da Stabhochsprung nicht zu den genetisch angelegten Programmen der Menschen geh\u00f6rt, befassen wir uns im Folgenden mit Spiegelneuronen und nicht mit genetisch festgelegten Programmen.<\/p>\n<p>Spiegelneuronen sind die Erkl\u00e4rung f\u00fcr einige Ph\u00e4nomene beim Stabhochsprung.<\/p>\n<ol>\n<li>Hot Spots<\/li>\n<\/ol>\n<p>\u00dcber alle Bereiche menschlicher F\u00e4higkeiten ist zu beobachten, dass sich H\u00f6chstleistungen punktuell geographisch verdichten. In Island gibt es \u00fcberproportional viele gute Fussballer, in Basel oder Bern seit jeher \u00fcberproportional viele gute (Schweizer) Stabhochspringer, in Leverkusen oder Paris \u00fcberproportional viele Weltklasse Stabhochspringer. Athleten mit Leistungspotential zieht es dort hin und es scheint, als:<\/p>\n<ol>\n<li>Entweder man wird an einem solchen Hot-Spot zum Spitzenathleten. Spitzenleistung perpetuiert sich an solchen Orten, auf gute Leistungen folgen weitere gute Leistungen<\/li>\n<li>Oder man wird an einem beliebigen anderen Ort kein Spitzenathlet im Stabhochsprung. Spitzenleistungen werden an diesen anderen Orten nicht erreicht, das Niveau stagniert auf mediokrem Niveau.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Man k\u00f6nnte nun einwerfen, an Hot Spots seien schlicht die besten Coaches und die beste Infrastruktur zu finden. Das ist in der Regel so, erkl\u00e4rt aber auf kurze Sicht nicht den Erfolg der Hot Spots.<\/p>\n<p>Das m\u00f6chte ich an folgendem Beispiel aufzeigen:<\/p>\n<p>Trainer A ist fachlich ein Experte. Er trainiert Athleten mit einem Niveau von 5.00m bis 5.80m in bester Infrastruktur. Athlet B schliesst sich aufgrund seiner bisherigen Leistungen (5.00m) der Trainingsgruppe.<\/p>\n<p>Trainer B ist fachlich ebenfalls ein Experte. Auch an seinem Trainingsort ist die Infrastruktur ausgezeichnet. Derselbe Athlet wie vorhin, mit einem Niveau von 5.00m findet dort allerdings eine Trainingsgruppe von Athleten mit einem Niveau zwischen 3.20m und 4.40m vor.<\/p>\n<p>Derselbe Athlet kann in der Trainingsgruppe A ein Niveau von 5.80m erreichen, w\u00e4hrend er in Trainingsgruppe B sehr wahrscheinlich nicht \u00fcber 5.30m hinauskommt. Das ist in etwa der Unterschied, ob man in Leverkusen trainieren kann oder beim Leichtathletikverein XY in der Schweiz.<\/p>\n<p>Dem Athleten fehlen in der Trainingsgruppe die Vorbilder. Die Spiegelneuronen erhalten nicht das richtige Futter, um die Bewegungen des Athleten weiter zu verbessern. So einfach ist das im Grunde.<\/p>\n<p>Man kann auch die permanente Stagnation im Stabhochsprung bei den M\u00e4nnern in der Schweiz als Beispiel herbeiziehen. Alle 5 Jahre springt jemand 5.50m \u2013 und das war es dann auch schon wieder (Gigandet, Frey, Richards und Alberto). An den Trainern liegt es nicht und die Infrastruktur in der Schweiz zwar verbesserungsw\u00fcrdig, aber es gibt keinen Grund, weshalb mit der Infrastruktur in z.B. Magglingen, St. Gallen, Z\u00fcrich Basel und Winterthur\/Frauenfeld nicht mehr Spitzenathleten heranreifen. Meine Erfahrung ist, dass andernorts, wo regelm\u00e4ssig 5.50+ Springer geformt werden, mit demselben Wasser gekocht wird.<\/p>\n<p>Den Unterscheid macht das Futter, dass die Spiegelneuronen erhalten.<\/p>\n<p>Ein Athlet, der t\u00e4glich Springer auf einem Niveau von 5.50+ beobachten kann, sieht einen Weg vor sich dorthin. Er weiss, welche Schritte seine Vorbilder gemacht haben, er kann sich mit ihnen austauschen und messen.<\/p>\n<p>Ein Athlet, der 5.50m springen will und der sich von 4.00m-Springern umzingelt sieht, ist stets auf sich alleine gestellt, f\u00fchlt sich wie der erste Mensch am Mount Everest. Was andere schon gemacht haben, muss er sich selbst erarbeiten. Gleichzeitig geniesst er schon den leistungshindernden Applaus seiner Vereinskollegen und seines Umfelds \u2013 aus dem er schon als Star herausragt. All das bremst die Leistungsentwicklung.<\/p>\n<p>Meine Athleten hatten vom Moment, in dem sie mit 15\/16 Jahren mit Stabhochsprung begannen, immer ein Vorbild, dass zwischen 5.20m und 5.00m sprang. Alles was sie zu tun hatten, wurde ihnen visuell vorgef\u00fchrt. Plus ich konnte Ihnen bei jeder \u00dcbung die Unterschiede zu ihnen erkl\u00e4ren, weil ich sie soeben gerade selbst ausgef\u00fchrt hatte und sp\u00fcrte, was die \u00dcbung erforderte. Ihre Spiegelneuronen feuerten, wenn ich sprang und meine Spiegelneuronen verglichen mein Gef\u00fchl beim Springen, mit dem was ich bei meinen Athleten sah. Ich bin \u00fcberzeugt, wenn ich die gleichen 5 Jahre nur neben der Anlage gesessen w\u00e4re, w\u00e4ren alle meine Athleten heute nicht so weit, wie sie sind, denn ich hatte keine anderen Athleten, von denen sie sich etwas h\u00e4tten abschauen k\u00f6nnen. Das ist das Problem, dass jeder Trainer \u00fcber 40 Jahren hat, wenn er eine neue Stabhochsprunggruppe aus dem Nichts hervorbringen will \u2013 ohne visuelle Vorbilder, ohne Futter f\u00fcr die Spiegelneuronen.<\/p>\n<p>Wo nichts ist, kann nur langsam etwas werden.<\/p>\n<p>Auch in Leverkusen, Paris oder Clermont-Ferrand gab es vor 100 Jahren noch keine 5.50m-Springer. Aber es gab seit den 70er Jahren konstant immer eine gewisse Masse an guten bis sehr guten Springer aus denen sich regelm\u00e4ssig absolute Top-Athleten hervortaten.<\/p>\n<p>Wir haben in der Schweiz beispielsweise in St. Gallen eine grunds\u00e4tzlich ganz wunderbare Indoor-Infrastruktur. Aber da ist noch niemand. Entschuldigt, damit meine ich Springer \u00fcber 5.00m. Es braucht zun\u00e4chst viele 4.50m Springer bzw. 3.50 Springerinnen (mit viele meine ich 5-10), bevor sich etwas in Richtung einer Gruppe von 5-Meter-Springern bzw. 4-Meter-Springerinnen entwickeln kann. Und darauf folgt dann irgendwann eine Gruppe von 5.30m-Springern und 4.30m-Springerinnen.<\/p>\n<p>Was braucht es daf\u00fcr, wenn die Infrastruktur vorhanden ist?<\/p>\n<p>Sehr gute Coaches, die genug Zeit haben (was mir zum Beispiel fehlt).<\/p>\n<p>Und weiter? Intelligent ausgesuchte Athleten. Damit gemeint ist, dass sich nicht jeder zum Stabhochspringer eignet. Eine Stabhochsprunggruppe kann aber nicht gr\u00f6sser als 5-6 Athleten sein. Dem Coach brummt schon bei gleichzeitig 3-4 Athleten der Kopf, wenn er seinen Job ernst nimmt. Und Coaching-Zeit l\u00e4sst sich beim Stabhochsprung nicht beliebig st\u00fcckeln. Wenn jeder Athlet nur noch 1\/10 der Aufmerksamkeit erh\u00e4lt, dann werden eben auch beim besten Trainer nicht dieselben Leistungen erreicht, wie wenn dieselben Athleten \u00bc der Zeit des Trainers erhalten.<\/p>\n<p>Das bedeutet etwas fies formuliert: jeder nicht f\u00fcr Stabhochsprung \u201etalentierte\u201c oder motivierte Athlet nimmt einem anderen potentiellen Kandidaten f\u00fcr eine gewisse Zeit lang die Chance, Stabhochsprung zu trainieren oder er verw\u00e4ssert das Coaching-Niveau, weil der Coach dem einzelnen Athleten weniger Zeit widmen kann.<\/p>\n<p>Die GG Bern hatte einmal 3-4 Springer gleichzeitig \u00fcber 5.00m. OB Basel 2-3 Athleten. Winterthur 2-3 Athleten. Was es braucht ist nicht nur, dass das zur selben Zeit der Fall ist, sondern es braucht etwa doppelt so viele Athleten diesen Niveaus, damit wir den Schritt \u00fcber 5.50m hinaus machen und dies auch nachhaltig bleibt. Ein 5.50m Springer kommt und geht. Wenn er weg ist, kann niemand mehr von ihm lernen. Geht ein junger Athlet heute nach Basel, ist da nichts mehr. Vor 7 Jahren hatte er zwei Athleten \u00fcber 5.20m als Vorbilder. In Bern hatte ein junger Athlet vor 10 Jahren drei Vorbilder \u00fcber 5.00m. Heute? Nichts. Das Feld der Stabhochspringer ist komplett auseinandergefallen. Jeder der irgendwo \u00fcber 4.80m springt, ist sofort alleine auf dem Mount Everest und findet nur noch in Dominik Alberto ein Vorbild.<\/p>\n<p>Die Frauen haben es da besser. \u00dcber Ihnen schwebt immer noch irgendwo ein mittelm\u00e4ssiger Mann. Wenn eine Frau 4.00m springt, dann sieht sie, dass es nicht so schwierig sein kann 4.20m zu springen, wenn ein mittelm\u00e4ssiger Jugendlicher das schafft. Nat\u00fcrlich sind das M\u00e4nner, aber es hilft den Spiegelneuronen eben trotzdem. Wenn wir M\u00e4nner eine \u00dcbergattung vor uns h\u00e4tten, die 6.30m Springen w\u00fcrden, h\u00e4tten wir auch Vorbilder im Training.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nMenschen, ganz besonders Kindern lernen \u2013 unter anderem \u2013 durch Beobachtung und Imitation. Verantwortlich daf\u00fcr sind sogenannte Spiegelneuronen. Wenn ich einen Tennisschlag ausf\u00fchre, feuern die gleichen (Spiegel-)Neuronen, wie wenn ich jemandem beobachte, der einen Tennisschlag ausf\u00fchrt. 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