Die Wahl des Stabes – Irrungen und Wirrungen Teil 2 – Gewichtsangabe und „Flex“

Die Gewichtsangabe auf dem Stab ist eine Zahl, die sich auf das Körpergewicht bezieht, für Europäer in Kilogramm und für Amerikaner in Pfund. Zunächst ist festzustellen, der Stab ist nicht so schwer wie da draufsteht, glücklicherweise.

Stab der Marke UCS/Spirit: Gewichtsangabe 75kg bzw. 165 Pfund

Auf Stäben finden sich Angaben in Kilogramm wie 59, 61, 63, 68, 70, 73 usw. bzw. in Pfund z.B. 125, 130, 135, 140, 145. Daraus wird ersichtlich, dass wiederum die Amerikaner den Takt vorgeben, mit 5 Pfund-Abstufungen, während in Kilogramm mal auf- mal abgerundet wird, und man 2kg- und 3kg-Schritte wiederfindet. Natürlich wären das immer gleich grosse Schritte. Spielt aber keine so grosse Rolle, wie ihr gleich feststellen werdet.

Was sagt diese Gewichtsangabe denn überhaupt aus?

Ziemlich wenig, aber genug für einen Einstieg. Zunächst es geht dabei um eine Aussage zum Härtegrad des Stabes, also wie leicht oder schwer sich ein Stab biegen lässt.

Diese Gewichtsangabe hat einen Sicherheitsaspekt im Blick und eine Orientierungsfunktion. Zum Sicherheitsaspekt ganz am Ende des Beitrags.

Die Orientierungsfunktion besteht darin, dass man z.B. als 73kg schwere Person annehmen kann, dass man mit einem Stab, auf dem man die Angabe 73kg oder etwas in der Nähe davon (70kg, 75kg) finden, nicht grundsätzlich falsch liegt. Diese Aussage ist aber bereits sehr gewagt, denn Stabhochsprung ist so komplex, dass man einen Stab tatsächlich nicht einfach nach dem Gewicht auswählen kann, wie man eine Skibindung tatsächlich schon eher nach dem Körpergewicht einstellen kann. Ich kann mit einem Gewicht von 73kg, z.B. durchaus ansehnliche Sprünge aus einem sehr kurzen Anlauf mit einem Stab 460/70kg machen, während ich mich mit einem längeren Anlauf tunlichst nicht an einen Stab 400/77kg hängen sollte, der würde dann nämlich vermutlich zerbrechen. Das erstaunt nun den Laien, scheint doch der 400/77kg mit Blick auf die Kilogrammangabe völlig in Ordnung, liegt er doch klar über meinem Körpergewicht. 

Damit hat es auf sich, dass sich das Niveau mit der Stablänge verschiebt. Ein 400/70kg ist immer weicher als ein 430/70kg und dieser wiederum als ein 460/70kg. Man geht also bei dieser Gewichtsangabe davon aus, dass Anfänger (Männer) eher an einem 4.00m-Stab herumturnen, während dies Fortgeschrittene eher an einem 4.60m-Stab tun. Deshalb sind längere Stäbe mit einer bestimmten Gewichtsangabe immer härter als kürzere Stäbe mit derselben Gewichtsangabe.

Die Differenz, also wann zwei Stäbe unterschiedlicher Länge in etwa gleich hart sind, beträgt etwa 7-8kg für einen 30cm-Schritt, also ein 430/75kg ist vom Härtegrad etwa zu vergleichen mit einem 460/68kg oder ein 400/70kg mit einem 430/63kg. Bei einem Schritt von 15cm in der Lange sind es grob 3.5-4kg, also ein 430/75 ist ähnlich einem 445/73, dieser wiederum ähnlich einem 460/68kg.

Wie kommen die Hersteller zu diesen Gewichtsangaben?

Diese Frage kann ich nicht vollständig beantworten, aber ich vermute Erfahrungswerte dahinter, vermutlich auch etwas Mathematik.

Wie werden diese Gewichtsangaben ermittelt, wie kommt ein Hersteller zur Feststellung: Das ist ein Stab für 82kg?

Das macht der Hersteller so: Er misst das Durchbiegen des Stabes, wenn er 50 Pfund in der Mitte des Stabes aufhängt (es sind dazu noch viele Details zu beachten, die ich euch aber hier erspare). Die Abweichung in Zentimeter, wenn der Stab mit diesen 50 Pfund durchgebogen wird, gegenüber dem Normal-Zustand (also wenn der Stab nicht gebogen wird), ist die sogenannte Flex-Zahl.

Durchbiegung bei Belastung mit 50 Pfund in Zentimeter gemessen = Flex-Zahl.

Messung der Durchbiegung eines Stabes bei Belastung mit 50 Pfund in der Garage meiner Eltern.

Wenn ich einen Stab mit der Flex-Zahl 16.8 habe, heisst das, dieser Stab 16.8 Zentimeter durchbiegt, wenn ich 50 Pfund daran hänge (siehe Foto). Das ist z.B. bei Stäben der Marke UCS/Spirit ein 80kg Stab, bezeichnet mit 460/80. Wie man von den 16.8 Zentimeter auf die 80kg kommt, das ist, was mir eben nicht bekannt ist, spielt aber weiter keine Rolle. Grundsätzlich sind diese Gewichtsangaben nicht grob falsch (ich springe beispielsweise mit einem Körpergewicht von 73kg meist Stäbe um 82kg, früher 86kg), aber wenn sich (Weltklasse-)Frauen mit 52kg Körpergewicht an Stäben mit der Gewichtsangabe 75kg in die Höhe schrauben, also schlappe 23kg über ihrem Körpergewicht, stellt man doch fest, dass die Gewichtsangabe auf den Stäben eben nicht mehr ist, als eine sehr grobe Orientierung.

Nehmen wir nun noch einmal das vorangehende Beispiel des 460/80 Flex 16.8. Nun fragt man sich, ab wann ist es denn der nächst härtere Stab, der Stab für 82kg oder der nächst weichere, der für 77kg?

Das geht so: Die Gewichtsangaben decken immer einen gewissen Bereich ab, z.B. Stäbe der Länge 4.60m mit einer Durchbiegung von 16.5 bis 15.5 Zentimeter werden mit 82kg beschriftet. Ist der Stab etwas härter, biegt sich also nur 15.4 Zentimeter durch, wird er mit 84kg beschriftet, ist er weicher, biegt er sich 16.6 Zentimeter durch, wird er mit 80kg beschriftet.

Als Faustregel: Die Kilogrammzahl ändert pro Zentimeter, den sich der Stab mehr oder weniger durchbiegt. D.h. z.B. Stäbe mit den Flex-Zahlen von 19.0 bis 19.9 werden mit derselben Gewichtsangabe versehen, dann von 20.0 bis 20.9 die nächst weichere Gewichtsangabe, dann 21.0 bis 21.9 usw. Das stimmt nicht immer, aber meistens. Es gibt also z.B. 10 verschiedene Stäbe, die alle mit 73kg angeschrieben sind. Das ist kein Täuschungsmanöver, sondern zeigt, es kommt einzig auf den Flex an

Jetzt merkt der eine oder andere schon, Moment! Dann kann ich ja zwei Stäbe kaufen, die zwar unterschiedliche Gewichtsangaben haben, z.B. 70kg und 73kg, die aber praktisch gleich hart sind, z.B. ein Stab für 70kg mit der Flex-Zahl 19.1 und ein Stab für 73kg mit der Flex-Zahl 18.9. Richtig!

Und deshalb sollte jeder Stabspringer und jeder Trainer dieses Prinzip der Flex-Zahl verstehen, nicht nur der Profi, sondern auch der Fortgeschrittene, der Mehrkämpfer und der ambitionierte Anfänger. Man kann viel Geld aus dem Fenster werfen, wenn man Stäbe nur nach der Gewichtsangabe kauft. Es kann sein, das der effektive Unterschied in der Härte zwischen zwei Stäben mit aufeinanderfolgender Gewichtszahl (z.B. 75kg und 77kg) maximal oder minimal ist, das eine (maximale Differenz zwischen z.B. einem 75kg Stab mit dem weichest möglichen Flex und einem 77kg mit dem härtest möglichen Flex) ist hochgefährlich, das andere (ein 75kg Stab und ein 77kg, deren Flex sich nur um 0.1 unterscheidet) ist ein teurer Luxus und kann Athlet wie Trainer verwirren, weil sie keinen Unterschied feststellen können beim Springen, obwohl doch der Athlet auf einen Stab mit höherer Gewichtsangabe gewechselt hat. Vermeintlich eben, es kommt nur und einzig und allein auf die Flex-Zahl an.

Wenn man also Stäbe kauft, muss man sich sofort fragen, welchen Flex haben die Stäbe, die ich schon habe, und welchen Flex haben die Stäbe, die ich noch kaufen will. Andernfalls kauft man auf gut Glück und dass ist bei Stückpreisen zwischen CHF 800.– und CHF 1‘100.– kaum ein vorteilhafter Weg.

Hinzu kommt vorgenannter Sicherheitsaspekt hinzu, dass Trainer und Athlet wissen sollten, wie gross der Unterschied zwischen z.B. einem 430/68kg und einem 430/70kg tatsächlich ist. Ist er nur 0.2 oder ganze 1.8?

Dieses Wissen ist eigentlich lebenswichtig (bzw. für den Athleten im wahrsten Sinne des Wortes überlebenswichtig). Dass dieses Wissen nur wenige haben – was dieser Bericht ändern soll – , zeigt nicht, dass es auch ohne funktioniert, das Niveau in der Schweiz beweist eher das Gegenteil.

Für fast alles gibt es Befähigungsprüfungen. Autofahren, Tauchen, Rechtsanwälte etc. Für Stabhochsprung, dass ich minimal gefährlicher erachte als anderes im Leben, wofür man eine Prüfung absolvieren muss, gibt es keine solche Fachprüfung. Man kann sich einfach darin betätigen, ohne Kenntnis von den Basics zu haben. 

Wenn ein Athlet oder Trainer zu mir kommt und fragt, hast du einen 430/66kg Stab, wir haben nur einen 430/63kg und der wurde beim letzten Sprung zu weich, dann ist meine erste Frage, welchen Flex hat euer 63kg Stab? Dann blicke ich in 90% der Fälle in fragende Gesichter – und der Athlet würde den nächsten Versuch aus zeitlichen Gründen verpassen, wenn ich ihm die Gründe für meine Frage erklären wollte. Deshalb auch dieser Beitrag. Je nachdem, welche Flex-Zahl der 63kg Stab des Athleten hat, könnte „mein“ 66kg Stab, den ich ihm geben möchte, nur wenig härter sein oder eben sehr viel härter. Ich schaue mir deshalb an, wie gross die Differenz der Flex-Zahlen der beiden zu vergleichenden Stäbe ist. Ist sie kleiner als 0.4 ist sie für den Anfänger und Fortgeschrittenen-Bereich irrelevant. Der vermeintlich härtere 66kg Stab wäre für den Athleten praktisch gleich hart. Ist die Differenz beim Flex 0.8 bis 1.2 haben wir einen guten ordentlichen nächst härteren Stab für den Athleten gefunden. Ist die Differenz grösser als 1.2 kann es gefährlich werden, weil dieser Stab deutlich härter ist als derjenige, den der Athlet zuletzt gesprungen ist.

(Ich schneide hier einfach einmal die Frage der Verantwortlichkeit an. Wenn mal was passiert… Als Trainer die Anweisung zu erteilen, einen bestimmten Stab zu springen, ohne Kenntnis davon, wieviel härter der ist (weil man nur auf die Gewichtsangabe schaut), fällt für mich als Juristen in den Bereich des Übernahmeverschuldens, sprich, wenn man eine Aufgabe übernimmt oder eine Anweisung erteilt und dabei nicht in der Lage ist, die Konsequenzen der Handlung korrekt einzuschätzen. Insbesondere da in der Regel ein Autoritätsgefälle zwischen Trainer und Athlet besteht bzw. der Athlet sich auf einen „Stabhochtrainer“ verlassen können darf.)

Das bringt uns zur Frage, wie gross sollte der Unterschied der Flex-Zahl von Stab zu Stab sein?

Eine Abstufung im Abstand von 1.0 macht für den Durschnittsstabspringer Sinn. Er sollte schauen, dass seine Serie an Stäben, innerhalb einer Länge, also z.B. alle 4.30m-Stäbe Flex-Zahlen mit einer Differenz von etwa 1.0 haben, z.B. 21.4, 20.4, 19.4, 18.4.

Der Mathematiker wird einwenden, das geht ja nicht bis zur Flex-Zahl 0 so weiter, weil je näher man sich der Flex-Zahl 0 nähert, desto überproportional härter wird ein Stab. Ein Stab mit der Durchbiegung 0,5 Zentimeter müsste mit etwa 500kg angeschrieben werden und bei einer Durchbiegung von 0.0 Zentimeter mit „unendlich“. Richtig, deshalb gilt diese Faustregel nur für den mittleren Bereich mit Flex-Zahlen von 25.0 bis etwa 18.0. Bei härteren Stäben, also unter 18.0, sollte man kleinere Abstufungen machen, 0.8 bis 0.5. Bei weicheren Stäben, Bereich ab Flex-Zahl 24.0, kann man auch grössere Abstufungen von 1.2, 1.3, 1.4 machen.

Beispiele

Als Beispiel aus meinem Verein, unsere Serie bei Stäben der Länge 4.60m, aktuell: 21.1, 20.0, 18.9, 18.0, 16.7 (richtig, der letzte Schritt ist zu gross, deshalb springen wir dazwischen noch einen Stab mit Flex-Zahl 17.5 des LC Frauenfeld), dann 16.0 und 15.5. Welche Gewichtsangaben in Kilogramm haben diese Stäbe? Das ist eigentlich egal. Man muss sich nur daran gewöhnen, dass es egal ist. Die Gewichtsangabe dient nur der Orientierung für den Anfänger. Wenn man 80kg ist, sollte man sich nicht an einen Stab hängen, wo 68kg draufsteht. Aber auch das ist nicht ganz richtig. Wenn der Mann mit 80kg den Stab 60cm vom Ende greift, dann wird der Stab nicht wegen zu viel Biegung brechen.

Ein letztes Beispiel. In Winterthur haben wir einen 460/82 Flex 15.5. In Zürich hatte ich einen 460/84 Flex 15.4. Das ist praktisch derselbe Stab. Das eine Mal steht 82kg drauf das andere Mal 84kg. Der Laie würde denken, wow, jetzt hab ich einen 84kg-Stab in den Händen. Ja hat er, aber es ist irrelevant, wenn es darauf ankommt, wie viel härter dieser 84kg Stab ist als der nächst weichere im Sortiment. Dabei kommt es nur und alleine auf die Flex-Zahl darauf an.

Was ist nun von dieser Gewichtsangabe auf dem Stab zu halten?

Meines Erachtens hat sie nicht mehr als eine Orientierung. Ein Anfänger kann sich auch umbringen, wenn er einfach einen 4.60m Stab bei 4.50m greift und der seinem Gewicht exakt entspricht. Brechen wird der Stab bei einem Anfänger vielleicht nicht, aber vielleicht der eine oder andere Knochen, wenn der Athlet irgendwo vor oder neben der Matte landet.

Ist der Springer etwas fortgeschrittener ist diese Vorgabe, dass die Gewichtsangabe auf dem Stab grösser oder gleich dem Gewicht des Springers sein darf, eher zu tief angesetzt. Würde ich, aktuell 73kg – ich hoffe ich kann auch noch in ein paar Jahren hinter dieser Zahl stehen – einen Stab mit den Angaben 430/73 springen und auf 4.20m greifen wäre das fahrlässig. Der Stab würde nicht brechen, wenn ich es nicht darauf anlegen würde, aber ich würde vielleicht über die Anlage hinaus springen – schmerzhaft. Wenn ich mit einem 460/73 und einer Griffhöhe von 4.50m springen würde, nähern wir uns einem sauberen Bruch des Stabes und bei einem 490/73 mit Maximalgriffhöhe 4.80m würde ich definitiv das Feld mit 2 bis 3 kürzeren Stabbruchteilen verlassen.

Frauen und Männer werden mit der gleichen Elle gemessen, was veranschaulicht, dass diese Gewichtsangabe nicht mehr als eine Orientierungshilfe ist. Eine Orientierungshilfe, mit der aber der Anfänger über- und der Profi unterfordert sind. Der Stabhochspringer im Mittelfeld verlässt sich auf diese Zahlen obwohl er das nicht tun sollte, es kommt einzig auf den Flex an.

Zum Sicherheitsaspekt

In den USA dürfen Schüler und Studenten nur solche Stäbe springen, welche mit einer Gewichtsangabe über ihrem eigenen Körpergewicht beschriftet sind. Das wird auch streng kontrolliert. Wer die Höhe der Schadenersatzzahlungen (punitive damages) in den USA kennt, wird als Trainer oder Kampfrichter auch nichts anderes zulassen. Zusätzlich gibt es bei Stäben aus den USA seit ein paar Jahren eine Markierung etwa 10cm vom oberen Ende, womit die für die USA maximal zulässige Griffhöhe an jedem Stab angegeben wird. Man darf also keinen Stab springen, der eine tiefere Gewichtsangabe hat als man selbst wiegt, und man darf den nicht höher greifen als diese Markierung, die sich z.B. bei einem Stab der Länge 4.60 auf 4.50m findet. Wir stellen also fest, ein grosser Teil der Weltklasse dürfte in den USA nicht als Student an den Start gehen. Denn sie greifen den Stab nur 2-5cm vom oberen Ende, mit gutem Grund, was euch näher zu bringen aber einem weiteren Beitrag vorbehalten bleibt.