Degeneration – körperliche Konstitution

Übersicht

Dieser Beitrag beleuchtet die Umwelteinflüsse auf die körperliche Konstitution von Sportlern, insbesondere Leichtathleten.

In einem ersten Teil geht es darum, dass der körperlichen Konstitution, der körperlichen Gesundheit im Alter von 6 bis 15 Jahren von allen Seiten Unheil droht.

Im zweiten Teil wird behandelt, dass dem Erhalt einer guten körperlichen Konstitution während der eigentlichen sportlichen Karriere (in der Leichtathletik ab 16 Jahren) oft zu wenig Beachtung geschenkt wird.

Einführung

Auslöser für diesen Beitrag ist die einfache Feststellung, dass in der Leichtathletik grundsätzlich erfolgreich ist, wer körperlich „talentiert“ ist.

Kariem Hussein ist erfolgreich. Man schaut seinen Körperbau an und wie er sich bewegt und versteht, warum er erfolgreich ist in der Leichtathletik. Dasselbe bei Mujinga Kambundji, Lea Sprunger, Simon Ehammer usw. Andere „Menschen“ können trainieren so viel sie wollen, an die Leistungen dieser Athleten werden sie nicht herankommen.

Die Welt ist zum Glück nicht schwarz-weiss und nicht nur der Olympiasieg ist von wert, es gibt auch kleinere Erfolge, die man feiern kann.

In diesem Bericht geht es darum, was jeder und jede tun und beachten kann, damit er oder sie im Alter von 20-35 Jahren dorthin kommt, wo er oder sie hinkommen kann (Potentialentfaltung). Denn der Wege, vom Pfad abzukommen, gibt es heute in der modernen, westlichen Zivilgesellschaft viele.

In diesem Beitrag geht es also um die Abweichung vom Optimum der körperlichen Entwicklung eines jeden Menschen, weshalb der Titel provokativ Degeneration heisst.

Verbessern kann man seine genetische Ausgangslage nicht. Zumindest heute noch nicht. Wenn man 1.80m wird, wird man 1.80m. Wenn man lange Beine hat, hat man lange Beine.

Verschlechtern kann man seine körperliche Konstitution aber sehr wohl. Sei dies durch Verschlechterung der Körperhaltung, Abnützungserscheinungen, Fehlhaltungen, Dysbalancen etc.

Betrachten wir Top-Athleten. Was zeichnet ihre körperliche Konstitution aus, wie bewegen sie sich?

Spielerisch, leichtfüssig, elegant, mühelos, kraftvoll, voller Energie, effizient, beweglich, sind die Attribute, die solchen Athleten zugeschrieben werden.

Woher kommt das?

Genetische Prädisposition + Umwelteinfluss auf die Genexpression, welche die körperliche Konstitution fördert und nicht einschränkt.

Auf die Förderung der genetischen Prädisposition wird später eingegangen. Zunächst werden die Umwelteinflüsse beleuchtet, welche sich negativ auswirken können.

Negative Einflussfaktoren

Negative Einflussfaktoren sind potentielle Einflussfaktoren, welche uns daran hindern, unser Potential, dass wir von Geburt her hätten, später durch Training zur Entfaltung zu bringen. Es geht also praktisch darum, wie stark wir unsere Ausgangslage verschlechtern, bevor wir überhaupt ein Training beginnen, dass auf eine Leistung ausgerichtet wäre.

(Künftige) Topathleten bewegen sich im Jugendalter von 15 Jahren relativ frei von „zivilisatorischen Degenerationssymptomen.“ Während der ganze Rest der Menschen böse formuliert „verkrüppelt.“

Was meine ich damit „frei von zivilisatorischen Degenerationssymptomen“?

Beobachten Sie einmal Menschen im Alter zwischen 15 und 40 Jahren auf der Strasse. Wie vielen Menschen sieht man bereits im Alltag an, dass sie sich nicht bewegen wie sich „ursprüngliche Völker“ bewegen (in Afrika, in Südamerika). Der aufrechte, elegante Gang eines Masai, suchen Sie den einmal in einer Stadt in der Einkaufsstrasse. Was Sie sehen werden sind sogenanne Geiernacken, gekrümmte Schultern (Computerbildschirm-Stellung), Buckel, instabile Hüften, flache Gesässmuskeln, nach innen knickende Knie (v.a. bei Frauen), Füsse, die nach innen knicken u.a.

Gehen wir noch einen Schritt weiter. Fordern wir – in Gedanken – eine Schulklasse 14-jähriger Jugendlicher, die gerade an uns vorbei läuft auf, ihre Rucksäcke beiseite zu legen und in mittlerem bis höherem Tempo 400m gerade aus zu joggen… Können Sie meine Ernüchterung spüren, wenn ich diesen Jugendlichen zuschaue, wie sie auf jegliche erdenkliche Art einen Fuss vor den anderen setzen nur nicht auf eine Weise, welche irgendetwas mit Eleganz oder Effizienz zu tun hat?

Jetzt fordern Sie abschliessend gedanklich noch eine x-beliebige Menge 30-jähriger Passanten auf 400m zu joggen. Das Bild wird noch schlimmer sein als bei den Jugendlichen.

Nun transferieren wir uns gedanklich nach Nigeria, Kenia oder Jamaika und stellen uns wieder etwa 20 Jugendliche und 30 Erwachsene vor beim Laufen und Joggen. Wer würde das Team-Duell wohl gewinnen? Die Schweizer oder die anderen?

Wenn Sie 1000 Schweizer Jugendliche nehmen, dann werden Sie vielleicht 1 Kariem Hussein entdecken (wenn Sie Glück haben). Wenn Sie 1000 Jugendliche vom afrikanischen Kontinent nehmen, ich wette, Sie sehen mehr „sportliches Talent.“

Vorweg, diese Beobachtung hat nichts mit Körperbau bzw. „Rasse“ zu tun. Es geht mir darum, dass in Regionen der Welt, wo man den Körper von Jugendlichen sich besser entwickeln lässt, mehr sportliches Potential erhalten bleibt. Dass ist in der Regel in Afrika, Süd- und Mittelamerika (Karibik) der Fall. Und statistisch leben dort mehr Menschen mit dunkler Hautfarbe. Der einfachen Lesbarkeit halber lasse mich nicht auf bemühend lange politisch hyperkorrekte Formulierungsversuche über das Erscheinungsbild von Menschen unterschiedlicher Herkunft ein. Ich mag euch alle, glaubt mir, und damit weiter im Text:

Es gibt Asiaten die 100m in 10 Sekunden laufen. Es gibt einen weissen Jungen mit roten Haaren, Matthew Boling, der kürzlich als erster Leichtathlet 100m, 200m und beide Staffeln an den amerikanischen U20-Kontinentalmeisterschaften gewonnen hat. Julien Wanders und Jacob Ingebrigtsen bestehen gegen die afrikanische Konkurrenz. Die Tendenz, die wir sehen, dass mehr dunkelhäutige Athleten Erfolge in der Leichtathletik feiern, ist meines Erachtens das Resultat dessen, dass mehr weisse Menschen in der 1. Welt leben, wo sportliches Talent durch die Zivilgesellschaft zerstört wird.

Was tun die, welche überproportional viel Erfolg haben – oder umgekehrt, was tun sie gerade nicht?

  1. Sie tragen nicht von 5 Jahren an Schuhe.
  2. Sie tragen keine Schuhe mit harten Sohlen, sondern, wenn überhaupt Schuhe, dann Sandalen, Mokassins oder andere weiche Schuhe.
  3. Sie gehen nicht vom Alter von 6 Jahren bis 15, 18 oder 25 Jahre in die Schule/Ausbildung und sitzen dort 20-40 Stunden auf einem Stuhl.
  4. Sie ernähren sich weniger von industriell hergestellten Lebensmitteln.
  5. Kinder und Jugendliche bewegen sich mehr in ihrer Freizeit und haben mehr Freizeit – sie tanzen auch mehr. (Tanzen hat etwas mit Körpergefühl zu tun).

Insbesondere im Alter von 6 bis 15 Jahren setzen wir Kinder in der westlichen Zivilisation mit Schuhen, Schulunterricht und industriell hergestellter Nahrung einer Belastung aus, die degenerative Entwicklungen in Gang setzt. Wir bewegen uns weg von dem, was natürlich/normal wäre.

Im Mittel- und Langstreckenlauf ist dies besonders augenscheinlich, aber auch im Sprint. Die afrikanischen Läufer haben nicht prinzipiell einen evolutiven Vorteil, sondern Menschen aus der 1. Welt verbauen ihrem Nachwuchs die Zukunft bewusst, aktiv und ohne Reue. Jeder (Sport-)Schuh, jeder Schultag mit mehr als 3 Stunden Sitzen und jedes Fertigmenu ist ein Tropfen auf den heissen Stein, bis der Stein bzw. der Athlet nur noch lauwarm ist, wenn die Sportkarriere beginnen soll. Derweil Afrikaner bis 15 Jahren barfuss oder in leichten Schuhen gehen, weniger Schulunterricht im Sitzen erdulden müssen (nur das Sitzen ist das Problem, nicht der Unterricht) und von industrieller Nahrung ist deren Alltag nicht geprägt.

Welche Kinder werden dazu gedrillt, ruhig zu sitzen, still zu sein und dafür gelobt, wenn sie sich nicht bemerkbar machen? Kinder der 1. Welt. Der Schritt vom braven, angepassten Mauerblümchen zum selbstbewussten Sportler wird diesen Kindern durch eine solche Erziehungskultur unnötig erschwert.

Bis ins Alter von etwa 15 Jahren entscheidet sich, wer wie viel negative Abweichung von einer normalen Entwicklung seiner körperlichen Konstitution erfahren hat.

Negative Abweichungen haben zwei Folgen: Einerseits wird man schon gar nicht mehr als sportliches „Talent“ erkannt (obwohl man mit etwas Pflege vielleicht wieder eins werden könnte) und andererseits steigt das Risiko, dass früher oder später Verletzungen und Abnützungserscheinungen auftreten, weil sich der Körper nicht mehr natürlich bewegt.

Man kann einiges davon wieder hinbiegen, wenn der/die Betreuer (Coach, Eltern, Umfeld) und der Athlet sich dieser Problematik bewusst sind. In der Regel fehlt aber dieses Bewusstsein, dass der Körper, den man vor sich hat, nicht das optimale Spielfeld für ein sportliches Training ist, sondern zuerst oder parallel zum Training gesunde gepflegt werden müsste (Beweglichkeit, Mobilität, Statik, Rumpfmuskulatur, Verklebungen etc.).

In der Regel nimmt man aber einfach jede Jugendliche und jeden Jugendlichen, so wie er gerade ist, und beurteilt auch sein Potential danach. Wer sich nicht (mehr) bewegen kann, wird nicht mehr (gleich) beachtet und gefördert. Was man an Nachwuchs-Grossanlässen vor sich hat, ist praktisch die Menge Jugendlicher, die durch den Filter der zivilisatorischen Degenerationsmechanismen relativ unbeschadet durchgekommen ist. Wer es dann noch bis ins Erwachsenenalter schafft, ist richtig gut durchgekommen oder hat seinen Körper bewusst gepflegt und erhalten.

Ich möchte als Beispiel den Sprint herausnehmen.
Sitzen im Schulunterricht führt zu:

  • verkürzten Hüftbeugern (Illiacus, Psoas und Tensor fasciae latae)
  • verminderter durchbluteter rückseitiger Oberschenkelmuskulatur
  • Abschwächung der Gesässmuskulatur
  • Abschwächung der Rumpfmuskulatur
  • gekrümmten Rücken
  • Geiernacken

Schuhe mit einer dicken Sohle und einer Sprengung von mehr wie 10mm führen zu:

  • Abschwächung der gesamten Fussmuskulatur
  • Beeinträchtigung der Funktionsweise der Antagonisten Soleus, gastrocnemius und tibialis anterior
  • häufigeren Bänderverletzungen durch Abknicken
  • Lordose-Stellung der Lendenwirbel (Rückenbeschwerden)
  • Überbelastung der vorderen Oberschenkelmuskulatur

Ein Jugendlicher mit schnellen Muskelfasern in den statistisch schnellsten 5% wird trotz dieser Umstände immer noch als Talent erkannt werden. Die Gefahr bei ihm/ihr ist, dass Verletzungen drohen (Disbalancen, Verkürzungen) und dass die Schrittlänge für wirkliche Topzeiten ungenügend sein kann.

Jemand mit schnellen Muskelfasern in den statistisch nächst schnellsten 10% (also von 85 – 95 %) wird unter Umständen nicht mehr als „talentiert“ eingestuft, weil er seine Schnelligkeit aufgrund der schwachen Rumpf- und Gesässmuskulatur, sowie der schwachen Fussmuskulatur nicht mehr auf den Boden bzw. die Tartanbahn bekommt.

Diese Symptomatik tritt noch deutlicher zu Tage in den technischen Disziplinen mit immer noch sehr hohen genetischen Anforderungen wie Hoch, Weit und Dreisprung. Wer schon beim Sprint einen Nachteil dadurch erfährt, dass seine körperliche Konstitution bis ins Jugendalter beeinträchtigt wurde, wie soll ein solcher Athlet 10 Jahre Dreisprungkarriere gesund überstehen, bis er sein Leistungsmaximum mit 25 Jahren erreichen würde?

Als weiteres Beispiel der Stabhochsprung. Hier werden degenerative Entwicklungen meistens erst spät entdeckt, in den Stagnationsphasen. Stabhochsprung hat zunächst einmal, bis auf ein Niveau von etwa 4.30m bei den Frauen und 5.30m bei den Männern, keine überragende genetische Komponente. Mit einem guten Trainer und Fleiss kann viel erreicht werden. Ist derjenige Athlet dabei auch noch gesund, kann es auch ohne offensichtliches genetisches Glück noch höher gehen. Ist er hingegen nicht frei von degenerativen Symptomen, wird auch die Gefahr von Verletzungen bzw. Abnützungserscheinungen zunehmen, weil der Körper über Jahre nicht optimal funktionierte, derweil die Trainingsintensität stetig zunahm.

Beim Schreiben dieser Zeilen fällt mir auf, dass ich in diese Kategorie falle. Ich habe relativ schnelle Muskeln, aber nicht so schnell, dass ich jemals hätte unter 10.60s laufen können (ich war so bei 11.00s). Ich hatte viele Zerrungen des biceps femoris, als Folge der oben beschriebenen degenerativen Prozesse (Sitzen, Verkürzungen). Ich hatte Achillessehnenproblem ab 22 Jahren, als Folge der oben beschriebenen degenerativen Prozesse (Schuhwerk). So kam ich in der Leistungsentwicklung ab 24 Jahren nicht mehr weiter, weil mich zunehmend Abnützungserscheinungen zurückgebunden hatten (Achillessehnen-Operation und Patella-Operation). Wie mir erging und ergeht es zu vielen Athleten, die im Alter von 15-23 Jahren mit vollem Einsatz bei der Sache sind, die aber – weil es ihnen niemand sagt, bzw. weil zu wenig darauf geachtet wird – einen blind spot haben, wenn es um die Auswirkungen degenerativer Prozesse geht.

Fortsetzung dieses Berichts folgt…

Im Weiteren wird es darum gehen, wie das Training selbst degenerative Prozesse auslösen kann, die körperliche Konstitution beeinträchtigen kann und was zu beachten ist, dass dies möglichst nicht geschieht.